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«Zahltag gibt es nur alle drei Jahre»

Seit 35 Jahren arbeitet Ernst Oppliger im gleichen Raum an seinen Scherenschnitten. Er beginnt sein Tagwerk um 8 Uhr und legt die Schere um 23 Uhr nieder. Gelegentlich gönnt er sich einen kleinen Luxus – mit schlechtem Gewissen. Nun steht der 58-Jährige vor einem «Experiment mit offenem Ausgang»: Er probt den Abschied von der Schere.

Interview: Mathias Morgenthaler    Foto: Franziska Scheidegger


Kontakt und weitere Informationen:
www.ernst-oppliger.ch

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Herr Oppliger, vor unserem Gespräch wusste ich nicht, dass Scherenschneider ein Beruf ist. Wie kam es, dass Sie diese Richtung einschlugen?
ERNST OPPLIGER: Ich wusste das auch nicht. Ich habe als Kind sehr gerne gezeichnet, war ein Stubenhocker, ein Grübler. Meine Mutter sagte damals: «Aus dem gibts nie etwas Richtiges. Der kann eine Viertelstunde dasitzen und einer Kuh zuschauen, wie sie Gras frisst.»

Zuerst machten Sie den Vorkurs zur Grafiker-Ausbildung.
Ja, aber da zeichnete sich schnell ab, dass ich nicht zu den Besten gehörte. Ich machte dann eine Lehre als Fotolithograf. Zu Hause war ich immer von Volkskunst umgeben, speziell von der Bauernmalerei und Kerbschnitzerei meines Vaters. In den letzten Schuljahren sah ich die ersten Scherenschnitte und spürte bald, dass mir das gut entsprach: aus der Vorstellung heraus Tiere und Ornamente schaffen. Ich schloss mich in mein Zimmer ein und schuf mit der Schere des Sackmessers den ersten Scherenschnitt.

Sie brachten sich das selber bei?
Ich schaute mir Bücher an. Mit der Zeit merkte ich, dass meine Vorbilder im Oberland lebten. Ich beschloss, eine «Chüejer»-Stelle im Diemtigtal anzunehmen, um der zu werden, der ich sein wollte. Das lief ganz gut, zumal ich im Oberland eine Freundin fand. Erst zwanzig Jahre später merkte ich, dass es hier in Meikirch ums Haus mehr als genug Sujets für einen Scherenschneider gibt. Das musste wohl so sein: Erst versuchte ich, so wie andere zu werden, heute kann ich das schneiden, was aus mir entsteht.

Konnten Sie rasch von der Scherenschneiderei leben?
Nein, aber ich übernahm als junger Mann die Bauernmalerei von meinem Vater, so ging es. Ich hatte zudem Glück, dass ein Cousin meiner Mutter die Scherenschnitte der Oberländer Künstler sammelte. Er probierte, mich unter seine Fittiche zu nehmen, und sagte mir, ich solle auf keinen Fall in irgend einem Tea-Room ausstellen; er war es, der mich an eine Galerie vermittelte. Als ich mit meinem Demonstrationsstück die Galerie verliess, spürte ich, dass das mein Weg war. Zum Künstler reichte es nicht, aber in der Volkskunst war ich am richtigen Ort.

Wie sehen Ihre Arbeitszeiten heute aus? Achten Sie auf die Tagesform oder gibts geregelte Zeiten?
Es ist mir nicht wohl, wenn ich um 8 Uhr noch nicht am Arbeiten bin. Das Ziel wäre eigentlich, schon um 7 Uhr zu beginnen, aber das fällt mir heute schwer, man wird halt älter. Grundsätzlich habe ich schon feste Arbeitszeiten, von 8 bis 12 Uhr und von 14 bis 18.30 sowie 20 bis 23 Uhr. Ich sage oft: «Um 22.55 Uhr sitze ich noch an meinem Scherenschnitt, um 23.05 aber nicht mehr.» Manchmal gönne ich mir kleine Auszeiten. Vorhin habe ich die Skis gewachst. Bei sowas habe ich ein wenig ein schlechtes Gewissen. Man ist halt im Dorf hier, es gibt soziale Kontrolle. Im Sommer arbeite ich ja oft im Lehnstuhl im Garten. Manchmal frage ich mich schon, was die Bauern, die vorbeifahren, sich denken. Von weitem sieht man ja nicht, dass ich einen Scherenschnitt in den Händen halte.

Ihr Werk ist doch Leistungsausweis genug.
Ich spüre auch eine Verantwortung gegenüber jenen, die meine Scherenschnitte kaufen. Die haben ein Anrecht darauf, dass ich seriös daran gearbeitet habe.

Wie viele Stunden Arbeit stecken in einem Scherenschnitt?
Wenn ich nur die effektive Schneidearbeit zähle, sind es bis zu 200 Stunden. Natürlich beginnt die Arbeit schon beim Hinschauen, bei der Ideenfindung, diese Zeit ist nicht messbar. Ich glaube, die Tatsache, dass man beim Scherenschnitt lange an einer Sache sitzt und in ganz kleinen Schritten vorwärts kommt, hat in der heutigen schnelllebigen Zeit einen besonderen Reiz. Mir hat das immer gefallen. Ich arbeite lieber mehrere Tage am Gleichen, als dauernd Neues aufzugreifen und Entscheidungen zu treffen.

Wie hat sich die Nachfrage entwickelt, seit Sie 1975 ihr eigenes Atelier eröffnet haben?
Ich hatte Glück. Schon bei der ersten Ausstellung in der Galerie Aarequai in Thun ging alles weg. 45 Schnitte in zwei Tagen.

Wer setzte die Preise fest, der Galerist?
Nein, da verbrennen sich nicht mal Galeristen die Finger. Der erwähnte Sammler beriet mich, aber er hat die Preise sehr tief angesetzt – vermutlich nicht ganz uneigennützig. Ich war lange zu lieb, wollte nicht viel verlangen, dachte, so hätte ich einen Bonus gegenüber dem Kunden, wenns wenigstens billig ist. Es brauchte viel Überzeugungskraft meiner Frau, dass ich die Preise mit der Zeit anhob. Sie erinnerte mich daran, dass wir für unsere drei Kinder keine Zulagen bekamen und uns auch um AHV-Beiträge selber kümmern mussten.

Was kostet heute ein Scherenschnitt von Ihnen?
Je nach Grösse und Aufwand zwischen 50 und 8000 Franken.

Wie sieht Ihre Kundschaft aus?
Das Spektrum ist breit. Von Sammlern traditioneller Schnitte und Stiche über Privathaushalte, die sonst moderne Kunst kaufen, bis zu Ärzten.

Wie haben sich die Sujets verändert?
Ich brauchte einige Zeit, um mich vom Ornamentalen zu befreien. Lange galt das ungeschriebene Gesetz: Scherenschnitte zeigen bäuerliche Idylle, sie haben einen Ornamentrahmen und die vorhandene Fläche muss schön ausgefüllt sein. Zuerst habe ich den Rahmen weggelassen. Oft brauchte dieser mehr Zeit als das Hauptsujet, jemand sagte mir einmal, das sei «dem Herrgott die Zeit gestohlen», was ich da mache; vor einigen Jahren begann ich schliesslich, die Scherenschnitte zwischen zwei Glasplatten zu montieren, sie mit Luft zu umgeben. Ein wesentliches Merkmal des Scherenschnitts ist ja die Gegenständlichkeit; ein aus Papier geschnittener Hund ist ein bisschen mehr Hund als ein gemalter Hund.

Wie entsteht ein neuer Scherenschnitt?
In lasse mich von der Natur inspirieren, verdaue die vielen Eindrücke und schaffe daraus etwas Neues. Dieser Prozess läuft teilweise unbewusst ab. Manchmal machen mich Betrachter meiner Scherenschnitte auf Dinge aufmerksam, die ich selber gar nicht gesehen habe.

Woran denken Sie?
In einem Scherenschnitt zeigte ich einen Mann, der in Unmengen von Holz steht und seine Scheite hackt. Vordergründig interessierte ich mich für die Holzstrukturen, die sich sehr schön darstellen liessen im Scherenschnitt. Ein Betrachter sagte mir, dieser Schnitt erinnere ihn an Jugendgefühle, an seinen Vater und Grossvater, an die viele Arbeit, mit der man nie fertig wurde. Erst dadurch wurde mir bewusst, dass mich mehr mit meinem Werk verband als die Freude am dankbaren Sujet und das handwerkliche Können. Oben am Haus sieht man nämlich noch eine Laube, zu der keine Treppe hoch führt. Das ist einer meiner wiederkehrenden Träume: Die anderen erreichen diese Laube, ich schaffe es nicht. Vielleicht steht diese Laube ja symbolisch für die richtige Kunst, zu der ein Volkskünstler wie ich keinen Zugang hat.

Wenn man Ihre Schnitte der letzten Jahre anschaut, sind Sie doch längst nicht mehr der traditionsverhaftete Volkskünstler.
Weil hier vor dem Haus eine prächtige Birke steht, begann ich, mich mehr und mehr mit Baumstrukturen zu beschäftigen. Da arbeitete ich ab Fotovorlage. Keiner, der einen Baum zeichnet, bringt so viele verschiedene Winkel, so unterschiedliche Einteilungen von verbleibenden Flächen hin wie die Natur sie schafft. Es kommt aber auch vor, dass ich ohne fotografische oder zeichnerische Vorlage aus dem Bauch heraus schneide und schaue, was entsteht.

An Ideen mangelt es Ihnen nie?
Wenn man ein bis zwei Monate braucht, um einen Schnitt zu schneiden, muss man nicht besonders kreativ sein, um mehr Ideen zu haben, als man realisieren kann. Die Inspiration ist deutlich grösser als die Schaffenskraft. Ich hole mir Ideen zum Beispiel auf langen Spaziergängen am Sonntag, das ist mein wöchentlicher sechsstündiger Gottesdienst in der Natur. Auf diesem Blatt hier stehen noch gut 20 Ideen, die ich umsetzen möchte.

Zum Beispiel?
Darüber will ich nicht reden. Viele Ideen sterben wieder, erweisen sich als utopisch. Was ich aber spannend finde: Auch in der freien Kunstszene tauchen jetzt internationale Künstler mit grossen Namen auf, die plötzlich mit Scherenschnitten arbeiten. Zwei meiner Werke könnte man neben diese Kunst hängen, ohne dass sie abfallen würden. Aber mein Hintergrund ist mir da im Weg. Man kann nicht im Scherenschnitt-Verein verwurzelt sein und dann mit zwei Werken in einer anderen Liga spielen.

Warum nicht?
Als Scherenschneider wird man schubladisiert, manche assoziieren das sofort mit Basarware. Meine Tochter hat einmal an einer Vernissage gesagt, es sei schweirig, zu schubladisieren, wenn die Schubladen nicht angeschrieben seien und es hinten geheime Durchgänge gebe. Die meisten Menschen schubladisieren aber stark. An einer Ausstellung in Zug wurden unlängst traditionelle Scherenschnitte gezeigt und in einem anderen Raum Werke von modernen Künstlern, die mit Scherenschnitttechnik arbeiten. Ich hing bei den Vereinsscherenschneidern, sehr ungünstig platziert. Man habe zu wenig Platz, sagte man mir. Ich antwortete, vorne bei den Künstlern wäre noch eine weisse Wand, begriff aber schnell, dass das nicht zur Diskussion stand. Ich kann damit leben. Es ist schöner, einer der besseren Vereinsscherenschneider zu sein als ein Anhängsel in der Kunstwelt.

Hängt das auch mit dem Hintergrund zusammen? Ausser dem Abstecher ins Diemtigtal haben Sie das elterliche Haus im Bernischen Meikirch nie für längere Zeit verlassen.
Das mag eine Rolle spielen. Ein anderer Scherenschneider hat kürzlich ein halbjähriges Stipendium für einen New-York-Aufenthalt bekommen. Dieses Geld wäre bei mir wohl schlecht investiert.

Sie haben ihn nicht beneidet?
Doch, ich beneide jeden, der es weiter bringt als ich – nicht weil ichs ihm missgönnen würde, sondern weil ich auch gern so weit gekommen wäre; nicht geografisch, ich glaube nicht, dass man den Ort wechseln muss, um sich zu bewegen. Ich bin ihm aber dankbar, dass er gezeigt hat, dass es möglich ist, aus dem klassischen Scherenschnitt heraus in die Kunstwelt vorzustossen. Ja, diese Tür hätte ich ganz gerne selber aufgestossen. Aber ich bin halt ein «Chnorzi», der sich schwer damit tut, Kontakte zu knüpfen und in eigener Sache zu werben. Ich schaffe es nicht einmal, mit den lokalen Künstlern hier auf vernünftige Weise ins Gespräch zu kommen. Über Bücher bin ich aber mit vielen Künstlern im Dialog.

Nun betreten Sie Neuland. Vor Ihnen liegt ein Werk, das Sie mit dem Messer statt mit der Schere schneiden.
Ja, ich hatte Lust, nach 35 Jahren etwas Neues zu probieren. Wenn man mit grossen Formaten arbeitet, wird es schwierig mit der Schere, da braucht es ganz neue Haltetechniken. Jetzt versuche ich es mit dem Messer – ein Experiment mit offenem Ausgang. Mich reizt es, die Grenzen aufzuweichen. Wer soll denn das Festgefahrene lockern, wenn nicht die Künstler? Man sollte aber die Regeln gut kennen, bevor man sie über den Haufen wirft.

Können Sie heute gut leben von Ihrer Kunst?
Meine Frau trägt mit der Kerbschnitzerei zum Lebensunterhalt bei. Wir brauchen wenig Geld. Dank dem grossen Garten und der Nähe zu den Bauern sind wir praktisch Selbstversorger. Der Steuerprüfer war zu Beginn mehr als einmal da, weil er dachte, von diesem deklarierten Einkommen und Vermögen könne man unmöglich leben. Man kann, sogar gut. Wenn man nicht viel verdient, macht man weniger Umwelt kaputt und lebt gesünder.

Geld gilt auch als Indikator für Anerkennung und Wertschätzung. Stört es Sie vor diesem Hintergrund, dass der Erlös nicht grösser ist?
Ich bin dankbar, dass ich davon leben kann. Als Kind hätte ich mir nicht erträumen können, dass ich vom Bildermachen leben kann. Speziell ist einzig, dass es nur alle drei Jahre, wenn eine Ausstellung stattfindet, Zahltag gibt. Das nächste Mal im Oktober in Kirchlindach.

Gönnen Sie sich gar keinen Luxus?
Doch, wenn ich untertags meine Skis wachse oder draussen im Lehnstuhl arbeite, ist das Luxus. Und alle drei bis vier Jahre gönnen wir uns Ferien im Ausland – meistens, wenn der Scherenschnitt ruft. Wegen einer Ausstellung in den USA bin ich seit Langem wieder einmal geflogen. Auch nach China wäre ich eingeladen gewesen, aber da habe ich gestreikt. Jetzt ist eine Ausstellung in Moskau geplant. Ich hoffe, wir können es uns leisten, den Zug zu nehmen. Sonst müssen wir halt fliegen.

Ist es Ihnen nie verleidet, immer Scherenschnitte zu machen?
(Dezidiert) Nein, nie. (Schweigt) Ganz selten gabs Gedanken in diese Richtung, aber sie waren schnell wieder verflogen. Die wenigen Versuche in Malerei sind immer tief in einer Schublade verschwunden. Nein, ich habe keine Möglichkeit und keine Energie, da zu Lebzeiten wieder herauszukommen. Aber ich empfinde es nicht als Gefängnis. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto vielseitiger wird die Arbeit.


11. März 2009