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«Zu viele Jugendliche schlagen den akademischen Weg ein»

Wie finden Jugendliche den richtigen Beruf? Für Urs Casty war es eine Odyssee. Er quälte sich zur Matura, brach sein Studium ab und wurde Manager in einem Rohstoffkonzern. In einer Krisensituation fand er zu seiner Berufung: Jugendlichen die Berufswahl zu erleichtern. Seine Plattform Yousty.ch verzeichnet über 23’000 offene Lehrstellen und verschafft vertiefte Einblicke in die Unternehmen.

Interview: Mathias Morgenthaler    Foto: zvg


Kontakt und weitere Informationen:
www.yousty.ch oder urs.casty@yousty.ch


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Herr Casty, Sie betreiben die grösste privatwirtschaftliche Lehrstellenplattform der Schweiz. Was hat Sie vor sechs Jahren veranlasst, Yousty zu lancieren?
URS CASTY: Eigentlich ist Andy Warhol schuld daran. Vor rund 25 Jahren sah ich seine Zeitschrift «Interview», las die packenden Gespräche mit Künstlern und dachte sofort: So etwas müsste es für die übrige Arbeitswelt auch geben; ein Medium, das seinen Lesern Einblicke verschafft ins Innere der Unternehmen und die Motivation der Menschen. Viele Jahre später war ich in Köln auf einer Berufsmesse und sah, dass an manchen Ständen nicht die Chefs, sondern die Lernenden den Schülern Red und Antwort standen. In diesem Moment begriff ich: Nur so funktioniert es. Schüler müssen sich bei Lernenden informieren können und so die Arbeitswelt in all ihren Facetten kennenlernen. Das war der Kerngedanke von Yousty. Auf dem Rückflug von Köln nach Zürich schrieb ich gleich den Businessplan.

Viel Zeit hatten Sie da nicht.
Die eine Stunde reichte für die Eckpunkte. Das Resultat wäre auch auf einem Langstreckenflug nicht besser geworden. Der erste Businessplan ist immer falsch, aber eine wichtige Basis für alles Weitere. Meine Kernidee liess sich zunächst nicht umsetzen. Wir brauchten ungefilterte Statements von Lernenden für unsere neue Internetseite und merkten rasch, dass viele Personal- und Lehrlingschefs Angst vor dem Kontrollverlust hatten. Noch schwerer wog das Problem, dass die Schüler keine Fragen an die Lernenden stellten – weil sie schlicht keine Ahnung hatten, was sie fragen sollten. So entwickelten wir das Portal nach und nach weiter, drehten Filme in den Partnerunternehmen, zeigten die Lernenden bei der Arbeit, realisierten Interviews, portraitierten die Lehrmeister, vergrösserten das Lehrstellenverzeichnis auf der Seite. Dies alles war einem Ziel untergeordnet: Die Jugendlichen sollen dank yousty.ch ein besseres Gefühl dafür entwickeln, bei wem sie was arbeiten wollen. Das Online-Schnuppern bei Yousty soll den Graben zwischen Schule und erster Schnupperlehre oder Lehrstelle überbrücken.

Damit wollen Sie erreichen, dass Jugendliche bewusster ihren ersten Beruf wählen. Wie war das bei Ihnen?
Gegen Ende der obligatorischen Schulzeit hatte ich gute Noten, aber keine Ahnung, was ich werden könnte. Also durchlief ich mit mässiger Motivation das Wirtschaftsgymnasium, schaffte mit Ach und Krach die Matura und nahm nach der Rekrutenschule mangels anderer Ideen ein Wirtschaftsstudium in Angriff. Bald brach ich dieses ab, weil ich schulmüde und planlos war. Mein Glück war, dass ich aus bescheidenen Verhältnissen stammte und deshalb immer arbeiten musste neben der Schule. Dank einer glücklichen Konstellation konnte ich schon zu Beginn des Studiums als Trainee in einem Rohstoffhandelskonzern arbeiten. In den ersten Monaten nahm ich am Telefon Bestellungen entgegen, 20 Tonnen Calciumchlorid hier, 10 Tonnen Salzsäure da. Bald erhielt ich mehr Verantwortung im Handel, erst für eine Produktgruppe, später für einen Ländermarkt. Mit 27 Jahren war ich ein international tätiger Manager.

Warum haben Sie der Firma wenig später den Rücken zugekehrt?
Es gab zwei Schlüsselerlebnisse. Zum einen geriet der Konzern in finanzielle Schwierigkeiten und gab die Weisung heraus, alle über 55-Jährigen frühzeitig in Rente zu schicken. Ich realisierte, dass ich das nicht verhindern konnte, aber auch nicht ausführen mochte. Zweitens erlebte ich bei der Mopac, einem wichtigen Kunden, was es heisst, bei der Arbeit ganz in seinem Element zu sein. Ich war mit einem Anwendungsingenieur dort, der die Maschinen so einstellen musste, dass sie ideal mit dem neuen Kunststoff funktionierten. Der Mann arbeitete über zwölf Stunden am Stück bis in die Nacht hinein, dann hatte er es geschafft. Die Mopac-Angestellten waren voller Bewunderung und sagten: «Dieser Mann riecht den Kunststoff, der hat das im Blut.» Mir wurde in diesem Moment klar, dass ich im Handel nie diese Befriedigung erleben würde. Von da an liess mich die Frage nicht mehr los: Wo bin ich ganz in meinem Element?

Wie haben Sie es herausgefunden?
Es kristallisierte sich rasch heraus, dass ich als Unternehmer und für Jugendliche arbeiten wollte. Da lag der Gedanke nahe, mein Problem der Berufswahl zu einem Projekt zu machen und so Lösungen für andere anzubieten. Ich wollte dafür sorgen, dass andere weniger planlos ins Arbeitsleben einsteigen. Das war zwar ein toller Gedanke, der mich beflügelte, aber die ersten Schritte waren schwierig. Schliesslich fand ich einen Verleger, der sich in einer Nische mit der Thematik befasste und Publikationen für Schüler und Lehrer herausgab. Ich überzeugte ihn, diese Nische in einem Mandatsverhältnis für ihn auszubauen.

Finanziell war das vermutlich ein grosser Rückschritt.
Ja, es war eine Zäsur. Kurz vor meiner Kündigung hatte ich noch zwei Jobangebote erhalten, hätte in Brüssel oder Singapur als Konzernmanager arbeiten und meinen Lebensstil weiter anheben können. Ich lebte damals in einer 180 Quadratmeter-Jugendstil-Wohnung an bester Adresse in Zürich, fuhr einen teuren BMW, trug die besten Anzüge und verkehrte in sehr teuren Restaurants. Ein halbes Jahr nach dem Umstieg war mein Bankkonto ziemlich ausgetrocknet und ich fuhr mit dem alten VW-Golf meiner Frau durch die Gegend. Sie half mir nicht nur mit dem Auto – ohne ihre bedingungslose Unterstützung wäre der Schritt für mich nicht möglich gewesen. Ich war nach dem Umstieg wesentlich zufriedener als vorher, weil ich einer kleinen Zielgruppe einen realen Nutzen bot und dabei selber bestimmen konnte, wie ich mit wem arbeite. Diese Arbeit war für mich unendlich viel wertvoller als der fürstlich bezahlte Konzernjob, der sich in einer Art Traumwelt abgespielt hatte.

Wie haben Sie nach 15 Jahren im Verlegergeschäft die Yousty-Plattform aufgebaut?
Im Zentrum all meiner Aktivitäten standen die Schüler und die Berufswahl. Mit der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche rückte die Frage in den Fokus, wie ich eine attraktive Online-Berufsmesse aufbauen konnte. Die ersten drei Jahre war es ein Hobby, kein Business. Ich lernte viel von den Jugendlichen und traf einige, die so begeistert waren von meiner Idee, dass sie daran mitarbeiten wollten. Heute liegt das Durchschnittsalter in unserem 20-köpfigen Team bei 26 Jahren – ich bin mit meinen 49 Jahren so etwas wie der Grufti. Für die Produktentwicklung war von Anfang an ein junger Lehrabbrecher zuständig, der unglaublich viel Power entwickelte bei dieser Arbeit und noch heute bei uns ist. Vor drei Jahren konnten wir einen echten «Onliner» gewinnen: Christian Hagmann, den früheren CEO der Ausgeh-Plattform Tilllate. Unter seiner Leitung wurde die Plattform viel professioneller.

Die offenen Lehrstellen werden seit Jahren in verschiedenen Organen publiziert. Warum brauchts Ihre Plattform überhaupt?
Wenn Sie ein Hotel suchen, lesen Sie auch keine Inserate, sondern Sie wollen Bilder der Hotels sehen und lesen, wie die Gäste ihren Aufenthalt beschreiben. Seltsamerweise hat sich dieses Umdenken im Stellenmarkt noch kaum durchgesetzt. Wir sind in ganz Europa die Einzigen, die beim Berufseinstieg konsequent diese Strategie fahren. Wir zeigen das Unternehmen, die Lernenden, den Lehrmeister, ermöglichen den Besuchern einen virtuellen Rundgang durch das Unternehmen. Mit einem Mausklick können sie sich bewerben oder mit Angestellten der Firma in Kontakt treten. Es ist extrem wichtig, dass die Jugendlichen nicht nur Berufsbeschriebe lesen, sondern ein Gefühl für den Arbeitsort bekommen. Das Team und die Unternehmenskultur sind mindestens so wichtig wie der gewählte Beruf und die Tätigkeiten.

Wie steht es generell um den Stellenwert der Berufslehre?
Ich habe erst als 28-jähriger Studienabbrecher verstanden, wie einmalig unsere duale Berufsbildung ist. Sie wäre wohl für mich und für viele andere der bessere Karrierestart gewesen. Sie hat zwei enorme Vorteile, die zunehmend auch international Anerkennung finden. Erstens senkt sie die Jugendarbeitslosigkeit und zweitens «produziert» sie Fachkräfte mit enormer Handlungskompetenz. Sie ist deshalb ein zentraler Faktor des Schweizer Wirtschaftssystems. Es ist mir heute das wichtigste Anliegen, dass die Stärken der Berufslehre besser wahrgenommen werden. Vor allem bei Eltern und Schülern, welche sie nicht kennen. Zu viele Schüler schlagen wie ich aus Ratlosigkeit den akademischen Weg ein und landen dann zufällig in einem Grossunternehmen. Ich treffe fast wöchentlich Lernende, die mich mit ihrem Engagement tief beeindrucken. Kürzlich sagte ein angehender Polymechaniker der Firma Stryker vor der Kamera: «Wir machen hier Prothesen für Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben.» Für ihn war absolut klar, warum sein Beitrag eine wertvolle und sinnvolle Arbeit ist. Das ist sogar bei Erwachsenen eher selten. Ich möchte dazu beitragen, dass möglichst viele junge Menschen einer Arbeit nachgehen, die für sie und für andere sinnvoll ist.

Wie wird Ihre Plattform finanziert?
Die rund 800 Unternehmen, die darauf vertreten sind, bezahlen einen Basisbeitrag für die Aufschaltung. Die aktive Ansprache der Jugendlichen, die Produktion von Filmen oder die Mitbenutzung unserer Technologie kosten zusätzlich. Immer mehr nehmen auch unser Bewerbermanagement in Anspruch. Die aktuelle demographische Situation hilft uns. Vor 10 Jahren konnten Firmen sich darauf beschränken, ihre Lehrstellen auszuschreiben und die besten Bewerbungen herauszufiltern. Heute ist es so, dass sich die guten Unternehmen bei den Schulabgängern bewerben. Diesen Sommer blieben über 8000 Lehrstellen unbesetzt. Das hat mittelfristig schwerwiegende Konsequenzen für die Unternehmen. Wer jetzt nicht in die Gewinnung und Ausbildung von Fachkräften investiert, wird das in den nächsten Jahren teuer bezahlen. Dank unserer Zusammenarbeit mit Bund und Kantonen sind über 90 Prozent aller offenen Lehrstellen tagesaktuell bei uns publiziert – derzeit über 23’000. Ich kann die Jugendlichen und die Eltern nur ermutigen, in diese Welt einzutauchen und sich selber ein Bild zu machen.


5. Dezember 2015